Käthchen Weihnachtsmarkt 2019

Vom 26. November bis 22. Dezember steht die Heilbronner Innenstadt ganz im Zeichen des Käthchen Weihnachtsmarktes.
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Gudrun und Gerrit zum Martinstag

 

Gudrun (4) und Gerrit (7)

Es ist Samstag nachmittag auf dem Haghof, zwei Tage vor dem Martinstag. Das Bauerngehöft liegt am äußersten nördlichen Zipfel von Kirchheim a.N., gleich neben der Straße nach Meimsheim. "Gerrit" sagt, Jillian Gamnitzer, "hat heute schlechte Laune. Vielleicht", vermutet sie, "liegt es daran, dass er gestern eingesperrt war." Eine Ausnahme.

Wenn der kleine Bauernladen des Haghofs gegen Ende der Woche geöffnet hat, wird seine ansonsten grenzenlose Bewegungsfreiheit auf dem Hof vorübergehend eingeschränkt. Dann muss er für ein paar Stunden im Stall schmoren. Damit die Kunden, die zum Bauernladen einkaufen kommen, unbehelligt bleiben. Gerrit, der Gänsemann, hat viel Sinn für seine Gänsedame Gertrud, aber absolut überhaupt keinen Sinn für jedes und alles, was ihm oder gar ihr in die Nähe kommt.

Gerrit taxiert den Feind, schaut ihm tief in die Augen, richtet sich gerade aus, sein Hals wird lang und länger, er reckt den Kopf gen Himmel, vibriert mit dem Schnabel. Es ist kein Schnattern. Es sind furchterregende Laute, die er ausstößt und niemanden zweifeln lässt, dass ihm ernst ist. Wirken diese Drohgebärden nicht, wird er noch größer und lauter, fährt seine Schwingen aus, wird breit wie eine Mauer, fächert wild und geht zum finalen Angriff über. Wer jetzt nicht schnell genug vom Acker ist oder sonstwo Deckung findet, riskiert einen ordentlichen Schnabelhieb oder mehrere.

Das ist gar nichts. Gerrit kann noch ganz anders. Furcht vor Müllautos kennt er auch nicht

Gegenüber seiner Herzensdame Gudrun ist Gerrit ein ganzer Kavalier, lässt ihr am Futtertrog stets den Vortritt. Gegenüber der Postbotin zeigt er sich weniger charmant. Wenn sie mit ihrem gelben Auto auf den Hof fährt, steigt sie nicht aus. Sie hupt, bleibt sitzen, bis jemand kommt und die Sendungen in Empfang nimmt. Die Müllmänner amüsieren sich. Dem Gerrit ist kein Feind zu groß und kein Feind zu mächtig. Augenblicklich greift er an, versucht, in die Reifen des Mülllasters zu beißen und den Eindringling zu verscheuchen. Während solcher Aktionen verliert Gerrit auch den Bussard nicht aus den Augen, der über dem Hof kreist.

"Vielleicht", sagt Jillian Gamnitzer, "liegt seine schlechte Laune aber auch am bevorstehenden Martinstag." Kein Glückstag für Gänse. „Die Gänse haben Sankt Martin verraten, dafür müssen sie jetzt braten", heißt es im Volksmund. Der Legende nach versteckte sich der äußerst bescheidene und zurückhaltende Martin in einem Gänsestall, um der Bischofswahl zu entgehen. Die Gänse, in ihrer Ruhe gestört, begannen zu schnattern, und Martin wurde in seinem Versteck gefunden. Dieser Erzählung ist es geschuldet, dass jedes Jahr Millionen Gänse am 11. November, dem Martinstag, verspeist werden.

 Gerrit, der Gänsemann, hat heute schlechte Laune. "Vielleicht", sagt Jillian Gamnitzer, "liegt es am bevorstehenden Martinstag."

„Gänse gelten als wachsam, mutig und clever“, so Stephanie Kowalski, Tierärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Menschen für Tierrechte. „Meist bleiben Ganter und Gans ihr Leben lang zusammen, entsprechend gut passen sie aufeinander auf. Sie können genau unterscheiden, ob es sich um einen Eindringling handelt oder nicht, und schlagen gegebenenfalls Alarm. Man müsste den Gänsen viel eher dankbar sein, denn nur durch ihre Dienste konnte der barmherzige Martin zum Bischof ernannt werden."

"In den meisten Fällen stammen die „deutschen Gänsebraten“ aus Polen und Ungarn. Die Tiere werden gemästet und zwangsernährt, so dass sie innerhalb kürzester Zeit möglichst viel an Gewicht zunehmen. Häufig werden sie lebendig gerupft. Für die Tiere bedeutet dies immense Qualen", sagt Stephanie Kowalski.

Gänse als Wächter für Haus und Hof einzusetzen, ist nichts Neues. Das wussten schon die Römer: 386 vor Christus bewachte das schnatternde Federvieh das Capitol mit Erfolg vor den Galliern. Vielleicht setzen deshalb noch heute viele Italiener auf die Gans als Wache. Zum Beispiel auf italienischen Campingplätzen mit Familienbetrieb. Dort garantieren Gänsescharen diebstahlsfreie Zonen, wenn ihr Geschnatter auch so manchem Gast den Schlaf raubt…

1986 stellte die US-Army in Heilbronn eine besondere Wachmannschaft auf: Gänse sollten zusammen mit Soldaten die Atomwaffenbasis auf der Waldheide vor Eindringlingen aller Art schützen. Foto: Hermann Eisenmenger

Vor dem Martinstag jedenfalls müssen sich Gudrun und Gerrit nicht fürchten. Sie plagt ein anderes Problem. Mit dem Nachwuchs auf dem Haghof klappt es nicht.. "Es ist schwierig", umschreibt Roland Gamnitzer die Situation. Es will nicht gelingen. Aber das nächste Frühjahr ist nicht mehr fern. Dann wird wieder probiert. Und Gerrit, der Gänsemann, läuft dann erst recht zur Hochform auf.

 

 

 

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